Extrem Engagiert
Kompetenzprogramm junger Muslime

Unerzählte Geschichten


#Eins

Ich war 9 Jahre alt,  als sich meine Eltern entschieden haben, nach Deutschland zu kommen. Meine Mutter ist Libanesin und mein Vater ist halb Iraker, halb Iraner. Für mich als Kind war es unvorstellbar schwer, aus meiner geliebten und gewohnten Umgebung rausgerissen zu werden und in Deutschland ein neues Leben zu beginnen, zumal wir auch als Familie getrennt waren. Meine Mutter und meine Schwester mussten vorerst in unserem Heimatland bleiben, weil das Geld nicht für uns alle reichte. Mein Vater, mein Bruder und ich reisten daher alleine nach Deutschland. Wir lebten im Oberallgäu in einem Asylheim ohne unsere Bezugsperson, unsere Mutter. Ein Jahr später kamen endlich meine Mutter und meine Schwester dazu.

Die Trennung von meiner Mutter und meiner Schwester war eigentlich schon schwer genug, aber in der Schule wurde es noch schlimmer. Ich wurde oft gehänselt und fertig gemacht, weil ich ein Kopftuch trug. Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen, auch mein Vater haben versucht mir das Kopftuch auszureden, weil es mir Schwierigkeiten bereitet. Ich wollte es nicht abnehmen - nicht, weil ich damals so religiös war, vielmehr weil es ein Stück aus meiner Heimat war, an der ich so klammerte. Warum sollte ich ein Kopftuch ablegen, welches zu meiner Identität gehört, nur weil es Andere von mir verlangen? Ich ließ es bei mir und kämpfte weiter. So wie ich es aus der Schulzeit gewohnt war. Nach der vierten Klasse lernte ich Tag und Nacht für die Aufnahmeprüfung der Realschule. Ich hatte Träume und Ziele und daher setzte ich alles darauf, die Prüfung zu bestehen, damit ich nicht in eine Hauptschule gehen musste. Ich bestand erfolgreich die Prüfung und meine Eltern waren sehr stolz darauf, dass ich nach so einer kurzen Zeit in Deutschland, eine Realschule besuchen konnte. Auf der Realschule hatte ich so gute Noten, dass ich direkt von der fünften Klasse in die sechste Klasse eines Gymnasiums wechseln konnte. Erneut machte ich auf der Schule Diskriminierungserfahrungen. Ich durfte von meiner Schulleiterin und Lehrer*innen aus nicht nach London, weil ich ihnen mit meinem Kopftuch Probleme bereiten könnte. Diese Erfahrung und viele weitere Rassismuserfahrungen haben mich während meines Abiturs begleitet, mich aber daran erinnert immer weiter zu machen und nicht aufzugeben. Diese Strategie ging auch auf. Ich machte mein Abitur, meinen Bachelor und schloss letztes Jahr erfolgreich meinen Master ab. Heute promoviere ich mit 26 Jahren, bin verheiratet und habe zwei Kinder, die mir jeden Tag Kraft geben. Mein Name ist Batoul Kobeissi und das war meine unerzählte Geschichte.

Meine Message: Haltet an euren Zielen und an das, was ihr schon besitzt, fest, denn das gibt euch Kraft. Meine Mutter konnte zwar nie mit mir für die Schule lernen, hat mich aber trotzdem in all meinen Lebenssituationen begleitet und mich unterstützt.